Segeln als digitaler Nomade – 7 wertvolle Learnings

12.12.2022 | Meer

[enthält unbezahlte Werbung] Der Sonne hinterher und dem kalten Winter entfliehen. Doch der Wunsch, den Winter im Warmen zu verbringen, war nur die halbe Wahrheit. Schon lange träumte ich davon, mehrere Wochen auf einem Segelboot zu verbringen. Noch dazu wollte ich wissen: Wie ist es eigentlich, als digitaler Nomade auf einem Segelboot anzuheuern? Von Rotterdam auf die Kanaren mit dem Segelschiff war der Plan. Dass alles etwas anders kam, konnte keiner ahnen.

Das erste Mal segeln und Ortsunabhängig Arbeiten – Wohnung und (Auslands-) Krankenversicherung kündigen bzw. abschließen

Meine Entscheidung war gefallen: Mein Allgäuer WG-Zimmer wird in Zukunft jemand anderes bewohnen, meine Habseligkeiten lagere ich ein und wo ich in einem Jahr sein werde, wird sich zeigen.

Wochenlang haben mein Freund und ich versucht, von unserer Krankenkasse eine ernstzunehmende Aussage zu bekommen, ob wir als Freiberufliche problemlos wieder aufgenommen werden würden, sollten wir unsere gesetzliche Krankenversicherung kündigen. Am Ende stand es 3:3 – drei Mitarbeiter meinten, wir könnten unsere freiwillig gesetzliche Krankenversicherung bedenkenlos kündigen, drei andere rieten uns dringlichst, eine Anwartschaft abzuschließen. Sie sagten uns, sie können uns keine Garantie geben, dass wir nach unserer Rückkehr wieder aufgenommen werden würde. Nach etlichem Hin und Her und nachdem ich das Internet vergeblich nach weiteren Informationen abgegrast hatte und in meinem Unternehmensnetzwerk auch keine eindeutige Antwort finden konnte, entschieden wir uns dazu, unsere gesetzliche Krankenversicherung nicht zu kündigen. Es sollte also eine Anwartschaft werden, die mit rund 70 Euro im Monat im Vergleich zum regulären Satz überschaubar gering und uns das beruhigende Gefühl wert war. 

Da wir auf unserer Segelroute in den Süden auch außerhalb von Europa unterwegs sein würden (und uns alle Optionen offenhalten wollten), entschieden wir uns für eine weltweite Auslandskrankenversicherung mit Ausschluss von USA/Kanada. Im Vergleich schnitt die Allianz Auslandskrankenversicherung für einen Zeitraum von 6 Monaten mit 600 Euro pro Person am besten ab. Angeschaut hatte ich mir noch die Hanse Merkur und die BDAE Auslandskrankenversicherung, die jedoch teurer waren und von den Konditionen auch nicht ganz so attraktiv.

Ein Abschnitt geht zu Ende, damit ein neues Abenteuer beginnen kann

segelreise gepaeck zug

Zug fahren mit Segel-, Surf- und Campingsachen

Work-Life-Balance auf See – Mitsegelgelegenheit finden

Die nächste größere Herausforderung bestand darin, ein Segelboot zu finden, auf dem wir anheuern konnten und das in Richtung Kanaren fuhr. Zusätzlich unter der Voraussetzung, dass ich fast keine Segelerfahrung vorweisen konnte. Sicherlich war mein Freund für uns beide der Joker, da er bereits etliche Seemeilen gesammelt hatte und noch dazu einen Segelschein besitzt. Über das Oceannomads-Netzwerk tat sich ein Kontakt zu einem Bootseigentümer auf, der von Rotterdam über die Kanaren bis in die Karibik segeln wollte. Leider wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass er neu im Netzwerk war und wie sich nach einem Tag bei ihm auf dem Boot herausstellte, nahezu keine Segelerfahrung hatte.

Als wir in Holland an einem kleinen Yachthafen mitten in der Pampa standen und verzweifelt nach einer Alternative suchten, tat sich über handgegenkoje.de unsere Rettung auf. Von Kiel sollte ein 21-Meter-Segelboot in Richtung Karibik ablegen. Einziger Wermutstropfen: Von Gibraltar wollte der Skipper direkt, und ohne Zwischenstopp auf den Kanaren, in die Karibik segeln. Doch das war ohnehin noch so weit weg. Wir waren froh, dass er uns mit an Bord nahm und uns die einmalige Chance bot, auf seinem aufwendig restaurierten Segelboot mitzusegeln.

segelboot mitsegelgelegenheit

Ausrüstung klarmachen

Segelkleidung / Ölzeug

Da mein Freund wusste, worauf es ankommt, war das Klarmachen der benötigten Ausrüstung denkbar einfach. Nicht ganz so einfach war lediglich, preiswerte Segelkleidung zu finden. Ich wollte gerne eine gebrauchte Segeljacke und -hose über ebay-kleinanzeigen kaufen. Jedoch entschied sich die Verkäuferin kurz vor unserer Abreise um und behielt sie doch lieber selbst. Also bestellte ich online neues Ölzeug von Musto, in der Hoffnung, dass das Paket noch rechtzeitig ankommen würde. Wenige Tage bevor es mit dem Zug nach Rotterdam gehen sollte, wurde ich allmählich nervös und es zeigte sich wieder einmal, was für tolle Kunden ich habe! Für bzweber durfte ich bereits die einen oder anderen Website-Texte schreiben, unter anderem für den Bootsführerschein See. Ohne zu zögern und per Expressversand schickte mir der Chef seinen eigenen Segelanzug zu. Am Ende kam zwar das neue und passende Ölzeug noch gerade rechtzeitig an, ich möchte an dieser Stelle aber nochmal tausend Dank an Alex von bzweber für deine Hilfe in letzter Sekunde sagen!

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Strom & WLAN

Wer sein Geld als digitaler Nomade verdient, ist von zwei wesentlichen Dingen abhängig: Strom und Internet. Da ich schon oft genug vergeblich nach Internet suchen musste und auch weil ich in den letzten Jahren sehr oft umgezogen bin, habe ich mir mittlerweile einen Handyvertrag mit unlimitierten Daten zugelegt. Daher musste ich mir nur auf Jersey Gedanken machen, wo ich Internet finde, denn das Hafen-WLAN reichte leider nicht bis zu unserem Boot. Die lokale Stadtbibliothek und das nahe gelegene Museumscafé war mein Place-to-be. Strom hatten wir glücklicherweise in allen Häfen, was ausreichend war, denn auf See bin ich ohnehin nicht zum Schreiben gekommen. Hätten wir vor Anker liegen wollen, wäre das ein anderes Thema gewesen (vor allem, weil mein Akku nicht mehr der stärkste ist und der Schiffsgenerator noch kaputt war).

Digitaler Seenomade – Was sagen die Kunden?

Darüber, dass ich für mindestens 4 Wochen unterwegs und nicht immer erreichbar sein würde, machte ich mir viel Gedanken – im Voraus und auch zu Beginn der Reise. Meine Kunden hatte ich vorab darüber informiert. Große Bedenken wegen negativer Reaktionen hatte ich nicht, denn anders als manch anderer, habe ich nicht allzu viele Calls. Trotzdem: Vollkommen sorgenfrei war auch ich nicht und die unbegründete Angst, dass ich einen Kunden deshalb verlieren könnte, war natürlich völlig unnötig. Es kam dennoch viel besser als erwartete: Alle Kunden fanden mein Vorhaben aufregend und waren vor allem darauf gespannt, was ich währenddessen und danach zu berichten hatte.

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Konzentriert arbeiten trotz 7-köpfiger Crew – ist das möglich?

Meine Gedanken kreisten vorab um die Frage, ob ich bei 7 Leuten und Action an Board überhaupt konzentriert arbeiten könnte. Schließlich hatte ich Aufträge zu erfüllen und kreativ Texte zu produzieren. Ohne zu wissen, wo und wie mein Arbeitsplatz sein und aussehen würde, war ich am Anfang etwas nervös. Doch dann kam es besser als gedacht: In den Stunden, in denen die anderen sich erholten, an Land unterwegs waren oder am Boot etwas richteten, war ich extrem produktiv. Anfangs brauchte ich sicherlich etwas, um mich erst einzugrooven, aber als ich recht schnell herausfand, wie es für mich am besten klappt, lief es einwandfrei. Mal arbeitete ich am großen Tisch im Salon, mal in unserer Koje. Das klappte sicherlich auch deshalb nur so gut, weil die anderen in der Regel Rücksicht auf mich nahmen. Und selbst wenn es mir mal zu laut geworden wäre, hätte ich immer noch meinen Laptop schnappen und in irgendein Café gehen können.

Segeln lernen – An Board mit anpacken

Weil ich nicht nur arbeiten, sondern auch segeln lernen wollte, versuchte ich bestmöglich an Board mit anzupacken. An meinen ersten beiden Segeltagen durfte ich zu meiner Überraschung direkt ans Steuerrad, Wenden fahren und die Schoten betätigen. Schon bald wusste ich außerdem, wie ich einen Slipknot, Palstek und Webeleinstek (auf Slip) mache. Dazu kamen der Yosemite und Butterfly-Knoten. Besonders viel Spaß machte mir das Belegen der Klampen und das Aufschießen (Zusammenlegen), Werfen sowie Einholen der Leinen. Beim Mastklettern stand der Genuss an erster Stelle, denn den bestieg ich (anders als mein Freund) ohne Auftrag. Ich versuchte mich im Segel setzen, der Ablauf beim Schleusen und generell mit den Fendern wurde mir vertraut und ich wurde in die Kunst des Takelns eingeweiht.

Meine Lernkurve stieg innerhalb kürzester Zeit rasant an, die nautischen Begriffe machten von Mal zu Mal mehr Sinn und ich konnte immer schneller reagieren, ohne lange überlegen zu müssen, was gemeint war.

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Work-Life-Balance auf See – Meine größte Challenge: Seekrankheit

Meine allergrößte Herausforderung auf See war meine Seekrankheit. Ehrlich gesagt war ich etwas überrascht, dass ich trotz Tabletten so empfindlich reagierte. Denn als ich vor Jahren für eine Woche Unterdeck auf einem Tauchschiff arbeitete und auch bei einem 3-tägigen Segeltörn in Australien hatte ich kaum Probleme.

Diesmal erwischte mich es jedoch immer wieder von Neuem. Jede nur erdenkliche Pille, die gegen Seekrankheit helfen sollte und auch ein Pflaster für 10 Euro das Stück, waren zwecklos. Die Nachtwachen waren dadurch umso anstrengender.

Wenn es mir gut ging, genoss ich die (Nacht-)Wachen sehr. Nur unter Deck hielt ich es nicht lange aus. Tagsüber war ich aus dem Grund meist an Deck. Zum Schlafengehen versuchte ich von da aus schnellstmöglich in mein Bett zu kommen. Bei der Fahrt über die Biskaya – von St. Malo nach A Coruna – war dann allerdings Feierabend. Ich schaffte es fast gar nicht mehr aus der Koje – und wenn, nur um zur Toilette zu schwanken.

segeln seekrank

Fazit nach 5 Wochen auf dem Segelboot

Am Ende waren es 1.300 Seemeilen und ein großer Seesack voll mit Erfahrung sowie unvergesslichen, hin und wieder auch aufregenden Momenten, die ich von meinem ersten Segeltörn mitnehmen durfte. Gerne hätte ich an Board mehr angepackt, da ich aber leider öfters als erwartet seekrank war oder ich arbeiten musste, waren mein Handlungsspielraum stark eingeschränkt.

Unsere gemeinsame Segelreise hatte ich mir grundsätzlich anders ausgemalt: Mehr Möglichkeiten zu rasten, weniger Reparaturarbeiten und mehr „go with the flow“. Dass das bei diesem Überführungs- und Jungferntörn unrealistisch war, war mir natürlich vollkommen klar, als wir an Bord gingen.

Mein Fazit, ob es als digitaler Nomade möglich ist, zu segeln? Ja, durchaus!

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Jeder sollte sich allerdings vorab die Frage stellen, wie viel er oder sie arbeiten muss und will. Auch wenn dieser Segeltörn extrem anstrengend und kräftezehrend war, habe ich sehr viel über meine Bedürfnisse gelernt. Ich bin zu 100% davon überzeugt, dass der empfundene Stress aufgrund der vorherrschenden Voraussetzungen (Workload, Kommunikation, Überführungs- und Jungferntörn, kaum Erholungsphasen, Pflichtgefühl etc.) für meine Seekrankheit verantwortlich waren.

Das Segeln habe ich damit längst nicht ad acta gelegen, im Gegenteil: Ich bin sowas von versessen darauf, wieder segeln zu gehen! Diesmal mit weniger Zeitdruck, genügend Erholungsphasen für mich, einem kleineren Boot, am liebsten mit Freunden und einem geringeren Arbeitspensum oder 1-2 Wochen Urlaub (zum Eingewöhnen).

Happy sailing!

Hast du noch Fragen oder eigene Erfahrungen zu dem Thema gemacht, die du gerne teilen würdest? Ich freue mich auf deinen Kommentar.

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