Trotz meiner jungfräulichen Ski-Kenntnissen haben Philipp, mein damaliger Partner, und ich beschlossen, dass die Zeit für meine erste Skitour reif ist. Und als ob das nicht reichen würde, wollten wir unser erstes eigenes Iglu auf dem Gipfel bauen, in dem wir dann auch noch vor hatten zu übernachten. Philipp kannte ich erst seit wenigen Wochen. Ein Date der besonderen Art erwartete mich, wenige Tage vor Jahresende. Ein besonderes Vertrauensverhältnis oder vielleicht auch nur geteilter Wahnsinn ließen unsere Herzen in jedem Fall höher schlagen.

Erste Gehversuche

Als ich festgeschnürt auf den Tourenski stehe, erscheint mir die Vorstellung, den Berg damit senkrecht hoch zu gehen noch suspekter als ich es mir durchs Hören-Sagen vorgestellt habe. Ich kann nicht anders und klammere mich krampfhaft an meinen Skistöcken fest, die ich so tief wie es nur geht in den Schnee bohre. Dann entscheide ich mich für eine „Ich-stell-mich-tot-wie-ein-Huhn-Schockstarre“. Nach etwas gut Zureden und weil ich nicht als der totale Nerd dastehen möchte, wage ich meine ersten Gehversuche und tappe langsam, wie in zu groß geratenen Schuhen, meine ersten zwei Meter hinter Philipp her. „Klappt do scho ganz gut“, neckt er mich mit einem verschmähten Grinsen. „Ja ja, schon klar“, antworte ich und strecke ihm die Zunge raus, was ihn umso mehr freut und sein Grinsen gleich noch viel breiter werden lässt.

An der Piste entlang geht es in zunehmendem Tempo und mittlerweile mit großem Gefallen an dem was ich tue, den Berg hinauf. Von der Piste wechseln wir für das letzte Drittel in den Tiefschnee. „Puh, nicht ganz unanstrengend“, denke ich mir. Doch mir nichts, dir nichts, stehen wir am Gipfelkreuz. „Unglaublich!“, entkommt es mir jubelnd, völlig überwältigt von dem durch die Sonne erstrahlten Alpenpanorama, und ein bisschen stolz bin ich schon auch. „Es hat so unglaublich viel Spaß gemacht“ teile ich meine Freude mit. Das animiert Philipp ein Foto von uns, in bester Laune und vor dem Gipfelkreuz stehend, schießen zu lassen. „Lief do dann au echt subba nach den ersten paar Metern“ lobt er mich, und diesmal meint er es sogar ernst. 

Eine Nacht in der selbst gebauten Schneehöhle

„Dann kenn mer ja glei mit unsrem Iglu anfangen“, bricht es voller Euphorie aus Philipp heraus, worauf wir uns ein Stück nach unten gleiten lassen, die Skier abschnallen und mit Schneeschaufeln bewaffnet durch den tiefen Schnee zu einer Wechte stapfen. Genau hier soll unser Nachtlager entstehen. Und dann lautet das Motto nur: Graben was das Zeug hält, tief, tief, in den Boden rein. Zugegebenermaßen ist Philipp anfangs die treibende Kraft, denn meine Vorstellungskraft lässt es noch nicht ganz zu, mir ein Bild von einer Schneehöhle zu auszumalen, die aus dem Schneehaufen vor uns entstehen soll. Als Philipp nach einiger Zeit Graben mit seinen 1,80 Meter schließlich verschwunden ist, kommt mir die ehrenvolle Aufgabe zu, den von ihm heraus beförderten Schnee als solide Mauer aufzutürmen.

„Gut, dass wir uns nicht umgezogen haben“, denke ich mir als ich hechelnd und schweißgebadet versuche, die Schneemassen, die Philipp vor, um und auf mich wirft zur Seite zu räumen und gleichzeitig zur einer anständigen Windschutzmauer aufzuschichten. Als der Kältegraben fertig ist, der neben der Mauer den Wind abhalten und die Temperatur auf der Schlafebene bestenfalls auf konstant +1°C halten soll, verschwindet Philipp erneut untertags, um die Schneehöhle noch weiter auszugraben, um für uns einen möglichst klaustrophobiefreien Schlafplatz zu schaffen. 

Ich geh‘ unter Tage

Als meine Arme die Schaufel nicht mehr hochliften können, um den Schnee vom Kältegraben herauszubefördern, krabbele ich nach kurzem Zögern, aufgrund der meterhohen Schneemassen über mir und ohne eine Ahnung zu haben wie stabil (oder eben nicht) das Ganze sein würde, in den Tunnel hinein, um selbst Hand anzulegen. Während der ersten fünf Minuten gehen mir dutzende Szenarien wie die Schneemassen mich begraben durch den Kopf. Überraschenderweise verabschiedet sich meine Angst dann aber doch noch und ich habe sogar richtig Spaß am Schneeabbau. Nach insgesamt drei Stunden ist unser Werk schließlich vollbracht und wir liegen stolz und glücklich in unserer ersten gemeinsamen Schneehöhle. Zum Abschluss zimmern wir uns noch Nachtkästchen, dann räumen wir unsere Sachen fürs erste zusammen, um zurück ins Tal zu fahren. Hier wollen wir das Werkzeug gegen unsere Übernachtungssachen und Essen eintauschen. 

Bahn frei: Ski-Neuling im Anflug

Da ich allerdings nur einmal in der 7. Klasse und dann vor 2-3 Jahren auch nur für wenige Tage, auf Skiern stand, dauert die Talabfahrt länger als geplant. Denn im Pflug durch Tiefschnee zu fahren ist durchaus kräftezehrend. Aus dem Grund kommen wir an der Talstation später als gedacht an und gerade in dem Moment als die Lift-Anlage schließt. Unseren Plan, den letzten Lift zu nehmen, können wir damit vergessen. Nach einer stärkenden Brotzeit beschließen wir, mit dem Auto entlang einer asphaltierten Straße ein kleines Stück bergauf zu fahren. Dies führt uns zum nächsten aufregenden Teil des Tages und zu der Geschichte warum wir rückwärts den Berg hochfahren.

Nicht kotzen, Schaggline!

Unser Plan, den Berg an anderer Stelle mit dem Auto hochzufahren, um nicht erneut die ganze Strecke mit den Skiern gehen zu müssen, war prinzipiell super. Nur haben wir zwei wichtige Faktoren unterschätzt: Die Straßen waren weder gut geräumt, noch gestreut und Philipps Berlingo „Schaggline“ ist doch ein schon ein etwas betagteres, nicht mehr ganz so kraftvolles Pferdchen. Davon euphorisiert, dass wir die erste Anhöhe geschafft hatten, waren wir davon überzeugt, dass der Rest nur noch ein Klecks sein würde, doch da sollten wir uns getäuscht haben. Fast wären wir im Graben stecken geblieben, hätte uns das Glück nicht irgendwie wieder heraus befördert …

Normal kann ja jeder

So stehen wir jetzt in der Ausweichbucht und blicken uns ratlos an. Da kommt Philipp die Idee: „Vielleicht klappt´s ja, wenn mer rückwärts foahrn!“. Mit ungläubigen, weit aufgerissenen Augen blicke ich ihn an und spätestens da, wäre meine Chance gewesen noch rechtzeitig aus dem Auto zu hechten und in das vorbeifahrende Auto zu springen. „Du bist scho a weng verrückt, das weißt du, oder?“, antworte ich skeptisch. „Jetzt schau mer mal, i hob das scho mal so in der Art gmocht“, lässt Philipp mich wissen, was in meinen Ohren aber immer noch nicht unbedingt vertrauenserweckend klingt. „Letzte Chance, um mich in Sicherheit zu bringen“, denke ich mir.

Doch ich wollte es nun auch wissen und so wird Schagglines mächtiges Hinterteil in Angriffsposition gebracht und nach kurzem Innehalten mit durchgedrücktem Gaspedal den Berg hochgejagt. Wir können es beide nicht glauben, doch es funktioniert! Als wir an einem schneeschippenden Einwohner vorbeirasen, schaut dieser uns nur irritiert an und wir brechen beide in schallendes Gelächter aus. 

Schwarze Katze

Wir haben großes Glück, denn niemand kommt uns entgegen. Nach der nächsten Kurve kommt es aber wie es kommen musste: Vor uns oder vielleicht besser gesagt hinter uns, auf jeden Fall bergauf, sitzt seelenruhig eine schwarze Katze mitten auf der Straße und ohne jegliche Anwandlung, zur Seite zu gehen. Schaggline kommt gezwungenermaßen zum Stillstand und ich springe im T-Shirt aus dem warmen Auto, um die starrköpfige Katze von der Straße zu vertreiben. Im nächsten Moment will ich zurück ins Auto steigen, doch da sehe ich nur noch wie Philipp den Berg herunter rollt. „Oh“, sage ich leicht verdutzt und sehe mit fragendem Blick und zunehmend fröstelnd, hinter Schaggline her und wie sie um die nächste Kurve verschwindet.

Ich drehe mich um und blicke hilfesuchend in die Richtung eines naheliegenden Bauernhauses. Plötzlich höre ich einen bedrohlichen Lärm und als ich mich umdrehe, schießt mir Schaggline mit vollem Karacho entgegen. Aufgescheucht rette ich mich mit einem Sprung in den tiefen Schnee neben dem Güterweg und im nächsten Augenblick sehe ich wie Philipp das Auto mit hochkonzentrierter Miene an mir vorbei und bis zur nächsten ebenen Fläche lenkt. Halb verfroren steige ich zurück ins Auto und als wir uns erwartungsvoll ansehen, müssen wir beide laut loslachen. „Entschuldige, aber i musst erst wieder Anlauf nehmen“, meint Philipp dann sofort. „Basst scho“ grinse ich ihn an. „Bald müsst mer oben sein, es ist zumindest nimmer weit“, meint er optimistisch. Und tatsächlich sind wir im Nu an unserem Zielparkplatz, wo Philipp erst einmal eine Nackenmassage bekommt. 

Nacht-Skitour und Schneehöhlen-Übernachtung

Schnell werden die Skier angeschnallt, die Stirnlampen aufgesetzt und es folgt meine erste Nacht-Skitour! Im Dunkeln erreichen wir nach einer gemütlichen Wanderung die von uns angepeilte Ski-Hütte, wo die Stimmung bereits ausgelassen ist. Wir hängen unsere Klamotten zum Trocknen auf und lassen uns auf eine Holzbank direkt am Kachelofen fallen. „Was für ein Tag“, sind wir uns einig und bestellen uns zwei ordentliche Portionen Kaspressknödel und als Nachspeisen Kaiserschmarrn.

Nochmal den Bauch mit lecker Kaspressknödel und kaiserschmarrn vollschlagen bevor wir in unsere Höhle aus Schnee kriechen

Mit schwereren Mägen als uns gut tut, machen wir uns am späten Abend auf Skiern zum Gipfel auf wo wir unsere Schneehöhle zum Glück unbeschadet auffinden. Wir krabbeln hinein, verstauen unsere Sachen, breiten unsere Matten und Schlafsäcke aus, stemmen uns aus den Skischuhen und machen es uns bei Kerzenlicht gemütlich.

Der Morgen danach: Wir leben noch!

Am nächsten Morgen wachen wir mit leicht schmerzendem Rücken und Beckenknochen auf, denn in der Nacht mussten wir feststellen, dass eine unserer Isomatten Luft ließ und dementsprechend schlecht isolierte. Daher mussten wir uns zu zweit in seitlicher Position auf eine Matte drängen. Da wir beide zum Glück recht schlank sind, ging das platzmäßig erstaunlich gut, doch auf die Dauer wurde es dennoch etwas unbequem, sodass wir recht wenig Schlaf hatten. Das Wichtigste war aber: Wir leben noch! Deshalb und weil ich von unseren Erlebnissen noch vollkommen adrenalingeladen war, vergesse ich auch jegliche Müdigkeit und genieße dieses ganz besondere Erlebnis!

Der morgen danach: Ein kleiner teich auf unseren schlafsäcken und leicht k.o., aber überglücklich

Als ich den Kopf hebe, sehe ich, dass sich über Nacht ein kleiner Teich auf unseren Schlafsäcken gebildet hat. Der Schnee über unseren Köpfen war ein ganzes Stück weggetaut. Den Sonnenaufgang haben wir leider verschlafen, aber als ich mit einer Tasse Tee vor unserer Schneehöhle stehe, mir die Sonne ins Gesicht scheint und ich das reine, weiß gezuckerte Bergpanorama betrachte, könnte ich nicht glücklicher sein!

Hast du schon mal eine eigene Schneehöhle gebaut – wo war das und an welchen unvergesslichen Moment wirst du dich für den Rest deines Lebens erinnern?

Schneehöhlen-Bau und Gipfelübernachtung

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